Justinus Kerner – Die Heimatlosen (1816)

„[…] Wie der Mond so durch das dichte Gezweig des Nussbaumes vor dem Hause schien, warf er vorüberziehende Gestalten auf die Wände des Gemaches. Serpentin dachte sich in ihnen lichte Geister, die in fliegenden Gewanden hinschwebten, spielende Meerfrauen, kristallhelle Blumen und Sterne. Seit seinem dritten Jahr immer in den Klüften dieser Gebirge, in der Nacht dieser Wälder lebend, hatte er noch keine freie Aussicht gesehen, noch keinen geöffneten Himmel, keinen Aufgang oder Niedergang der Sonne. Bücher, die er bei seinem Meister fand, hatten ihm von der größeren Welt manches erzählt, das er sich aber immer auf schwarzem Grund in den brennendhellsten Farben dachte; ja, je beschränkter und tiefer die Wildnis der Gebirge und Wälder war, je heller wurden die Gestalten und Flächen, die sich ihm im Geiste vor Augen stellten […]“
Die beiden Geschwister, Serpentin und Sililie, wachsen fern von ihrer Heimat im Waldgebirge bei Meister Lambert auf. Ihre wahre Herkunft bleibt ein Geheimnis. So entwurzelt steigt in beiden Kindern unbewusst eine tiefe Sehnsucht auf, und beide machen sich, getrennt voneinander und jeder auf seine Weise, auf die Suche. Eine Suche nach Identität, Freiheit, Sinn und Frieden.
Justinus Kerner schrieb 1816 eine Erzählung von hoher Dichte, ein Märchen von Licht und Dunkelheit, von Wünschen, Träumen, Einsamkeit und Tod. Denn „Blumen von der Art halten nicht über den Sommer aus“.
In ihrer Lesung erwecken die Sprecher Julia Katterfeld und Frank Streichfuss Kerners Erzählung zum Leben, begleitet von überraschenden und sensiblen Klängen des Jazzmusikers Andreas Geyer.